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Botschafter: Buffon & Broich

Broich & Buffon:

Berufung zu Botschaftern!

 

Am Montag (13. November 2017), als Gianluigi Buffon (Foto/Facebook/GianluigiBuffon) abends mit Italien nicht über ein 0:0 im San Siro Stadion gegen Schweden hinaus kam und die WM 2018 in Russland verpasste, kam die Süddeutsche Zeitung mit einem interessanten Interview raus, das einen anderen Fußballer mit Botschafter-Berufung ins Spiel brachte: Thomas Broich. Der 36-jährige Bayer und Ex-Bundesligaprofi überraschte auch mit der Ansage, am Trainerberuf Gefallen gefunden zu haben. Vor allem gibt er Einblicke in die Hintergründe des eigenen Scheiterns und neuer Hoffnung.

 

http://www.sueddeutsche.de/sport/thomas-broich-ich-habe-zynisch-auf-die-welt-geblickt-1.3747965

 

 

Als am 13. November an einem Montagabend die Fußballnation Italien den Versuch antrat, gegen Schweden nach der 0:1-Hinspielniederlage im Rückspiel das Ruder rumzureißen und das Ticket für die WM 2018 in Russland zu lösen, da war das Feld bereitet für das ganz große Kino. Kino für Kicker. Kino für Kicker-Fans - und vor allem kolossales Kino für Koryphäen.

 

BUFFon: BUFF off!

"Vorhang auf!" - so hieß es bereits vor dem Anpfiff, als sich die Kontrahenten aufgestellt hatten zum andächtigen Hymnen-Hype. Als dann die Hymne der Skandinavier abgespielt wurde und die Tifosi ein gellendes Pfeifkonzert als Zeichen ihrer fanatischen Mixtur aus Respektlosigkeit, Unsportlichkeit und Angst anstimmten – da war es nur einer, der sich dagegen stellte: Italiens Torhüter und Spielführer Gianluigi Buffon von Juventus Turin! Der 39-Jährige senkte den Kopf fremdschämend und klatschte vehement gegen die Pfiffe seiner Anhänger.

Was für eine Herzenshaltung. Eine ganz große Geste einer echten Profi-Sportlerpersönlichkeit! Nach 90 plus fünf Nachspielminuten stand dann die Verlierermannschaft fest: Italien. Und es sollte das letzte Länderspiel von Grandseigneur und Grande Gigi sein, wie dieser unter Tränen nach dem Abpfiff noch auf dem Rasen preisgab vor laufende Kameras. Italien bleibt der WM in Russland fern. Und Buffon beendet seine Länderspielkarriere.

Buffon: Buff off!

 

Buffon soll auch schon vor Jahren seine Spielsucht gestanden haben. Er soll diese nicht zuletzt durch sein mutiges Öffentlichmachen im Griff haben. Buffon ist kein glatter galanter Materialist, der sich öffentlichkeitswirksam positioniert. Der Keeper hat Charisma und Herz. Er stieg mit Juventus Turin ab und blieb seinem Herzensklub erhalten. Im Herzen behalten – das ist es, was beständig erhalten bleibt bei den Fans und Fußballliebhabern. Nicht der Weltklassetorhüter, vielmehr Luigi, der mit Liebe buffte. Buffon, buff on! Möchte man dem gealterten fast 40-Jährigen zurufen. Und er wird es tun, mindestens bis zum 40. Geburtstag Ende Januar 2018.

 

 

 

Dann werden auch die Fans von Borussia Mönchengladbach Buffon gratulieren. Denn Buffon erhielt sogar von Gladbachs manager Max Eberl als bekennender Borussia-Sympathisant einen Gladbach-Fanschal mit dem Claim "A German Team" (s. Foto im Ankündigungspost/(c)twitter @borussia). Hintergrund-Info: In Glasgow schrieb ein Gastronom diese Worte im Rahmen des Europapokalspiels der Fohlenelf bei Celtic Glasgow auf seinen Werbeaufsteller, weil er Mönchengladbach nicht schreiben konnte.

 

Auch Mönchengladbach verbindet Buffon & Broich

Mittlerweile hat der Ex-Bundesligaprofifußballer Thomas Broich (Borussia Mönchengladbach, 1. FC Köln, 1. FC Nürnberg), im gesetzten Fußballprofi-Alter von 36 Jahren angekommen, sein Laufbahnende verkündet. Mehr als nur angekommen war der in München geborene Broich seinerzeit in Australien – als er 2010 die Bundesliga hinter sich ließ und in der A-League landete. Zuhause angekommen. Bei sich. Das darf der etwas andere Profikicker durchaus glaubhaft längst von sich sagen.

Dabei drohten dem designierten Nationalspieler von einst 2009 sogar depressive Züge das Dasein zu verdunkeln. Leere im Dasein in kurzen Hosen und Buffern an den Füßen - das verspürte der Feingeist aus dem offensiven Mittelfeld. Sinn-Nebel, Motivationstäler, Entfremdung. Doch anstatt aufzuhören, wechselte Broich vom 1. FC Nürnberg zum australischen Erstligisten Brisbane Roar. Gut gebrüllt Löwe, möchte man meinen. Mitnichten! Eher still, dafür aber ganz neu innerlich aufgestellt.

Und dann sogar noch erfolgreich:

Im September 2014 vom Magazin „ABC Football“ zu Australiens Fußballer des Jahrzehnts gekürt. 2012 und 2014 die Johnny Warren Medaille als bester Spieler der Saison erhalten. Und die Joe Marston Medaille als bester Spieler des Grand Finals gab es 2014 obendrauf.

 

Wie der Werdegang des bayrischen Buffers ab dem 23. Lebensjahr verlief, das zeichnet ein hochinteressanter Langzeit-Doku-Film nach:Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen“.  Die Geschichte eines deutschen Fußballprofis von 2003-2011. Der Film startet mit dem 22-jährigen Zweitligaspieler von Wacker Burghausen in der bayerischen Provinz. Schnell macht der hochtalentierte Mittelfeldstratege von sich Reden. Sogar in einem Atemzug mit damaligen Jungstars wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Philipp Lahm als Hoffnungsträger für die Nationalmannschaft.

Broich liebt allerdings auch Literatur und hört durchaus auch klassische Musik. Moralische Werte spielen in seinem Leben ebenfalls eine Rolle. Medien erkennen den etwas anderen Fußballprofi. Seine Nähe zu hochkulturellen Themen macht den Mittelfeldtalent zum „Mozart“ am Ball. Und welcher junge Mensch hätte sich in dieser Rolle nicht gefallen? So auch Broich. „Gladbachs neuer Netzer“ - ein Superlativ mit Folgen.

 

Identitätsirrgang
Broichs Zieladresse hieß allerdings nicht FC Bayern München. Dafür neue andere Kulturen, Menschen und Länder. Das Reizpotenzial steigt. Probleme entstehen. Besonders mit autoritären Trainern wie dem holländischen Meistercoach Dick Advocaat oder Kölns Startrainer Christoph Daum. Es kommt zu einem Identifikations-Irrtum. Der etwas andere Fußballprofi empfindet zunehmend, dass sich die Erwartungshaltung von Zuschauern und Medien als Hindernis darstellen. Dem „Mittelfeld-Mozart“ fliegen die Notenblätter seiner Laufbahn um die Ohren.

Raus ohne Applaus!

Der Negativ-Trend nimmt seinen Lauf. 2009 sind Symptome mit depressiven Tendenzen so präsent, dass das Schnüren der Fußballschuhe zu eng und bedrückend wird.

Was tun? Als die Vorboten des Sommer 2010 das Tageslicht erhellen, beschließt er mit 29 Jahren, von der Bundesligabühne (87 x 1. Liga, 106 x 2. Liga) abzutreten und beim australischen Erstligisten Brisbane Roar in eine ganz andere Welt einzutauchen, mit und ohne Ball.

Und es sollte ein Weg sein, auf dem ganz viel Segen liegt. Broichs Spiel erlebt eine Renaissance. Plötzlich kickt der Bayer wieder befreit, elegant und kreativ wie zu Beginn seiner Karriere. Auch wenn das Leistungsniveau Down Under nicht Bundesligareife besitzt, Broichs Seele atmet auf. 2011 feiert der Ex-Gladbacher, Ex-Kölner und Ex-Nürnberger mit Brisbane Roar den Titelgewinn in der australischen Meisterschaft. 2012 gelingt die Titelverteidigung. Erneute Meisterschaftsehren heimst er 2015 ein.

Aber Ehre ist bei Broich kein Thema. Der Freigeist liebt es, er selbst sein zu dürfen. Das zeigt der Doku-Film. Ein Fußballprofi-Leben der seltenen und ungewöhnlichen Art. Von der Art, die Kunst zulässt. Lebenskunst. Eine spannende Option für fußballbegeisterte Talente, die im westeuropäischen Business-Buffer-Zirkus die Balance verlieren oder vermissen.

 

Und Vorfreude auslöst auf Broichs nächste Station, wenn er seine Berufung als Trainer auslebt.

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